Heit is koid!“, sagt unser Vermieter Karl zu mir, als er eines Morgens mit seiner frisch gezapften – Verzeihung, gemolkenen – Milch aus dem Stall kommt. Ich stimme ihm zu und bin richtig erleichtert über seine Aussage: Jawohl, es ist kalt! Nicht, dass mir das besonders gut gefallen würde – im Gegenteil – aber es tut gut, zu hören, dass es jetzt also wirklich kalt ist – noch dazu vom Landwirt Karl, der in meinen Augen mehr Ahnung vom Wetter hat als jede Handy-App. Somit sind Michael, die Kinder und ich also weder verweichlicht, noch ist das viele Heizen und dicke Anziehen eigentlich unnötig, noch das trotzdem-Frieren übertrieben – nein, es ist wirklich kalt und es ist wirklich Winter. Und wir mittendrin!

Wie lang hobt's etz koan Winter mehr g'hobt?“, werden wir momentan oft gefragt. „Unser letzter Winter war in Kasachstan und China“, sagen wir dann, „das war im Jahr 2010 auf 2011.“ Der letzte deutsche Winter ist also schon sieben Jahre her und in all der Zeit gab es für uns eigentlich nur „warm“, „heiß“ oder „sehr heiß“. Das führte dazu, dass die Empfindung „zu kalt“ schon dann eintritt, wenn wir nicht mehr im T-Shirt vor die Tür gehen können. Und so frieren wir momentan wie die jungen Hunde! Aber erst jetzt – nach der Legitimation von Karl – wage ich, dies öffentlich zu bekunden: Ja, wir frieren! Und wie!

 

Reiseradler Bärndorf Schlitten

Bisher wurde uns von Euch Bayerwald-Bewohnern nämlich stets ein anderes Lied über den Winter gesungen – und das geht ungefähr so: „Des is ja eigentlich koa richtiger Winter, ihr seitz des bloss nimmer g'wohnt, es is ja goa net koid, früher hots no an g'scheidn Winter geb'n mit drei Metern Schnee, ganze Ortschaften woarn abg'schnittn, oba etzat?“ All die letzten Winter, die wir „verpasst“ haben, seien sowieso total mild gewesen – und überhaupt sei es ja heutzutage mit geräumten Straßen und fast ohne Schnee – dafür mit Zentralheizung – kein Problem mehr.

Nun gut, liebe Leser, wir wollen büßen: Dafür, dass wir so lange dem Winter entflohen sind, dafür machen wir dieses Jahr richtig mit, mit Haut und Haaren – und OHNE Zentralheizung. Unser Wetterfrosch Karl bestätigt, dass der Zeitpunkt für unsere Buße gut gewählt ist: „So a strenger Winter mit so vui Schnee … des hot's scho lang nimma geb'n!“

Wenigstens die Feiertage haben wir schon überstanden: Maximilian, Ludwig und ich feierten das erste Mal Weihnachten im Bayerischen Wald! Und das, nachdem wir die letzten Jahre Weihnachten immer in Asien verbracht haben, wo wir schulterzuckend festgestellt hatten, dass dort kaum Weihnachtsstimmung aufkommen kann. Geschmückte Tannenbäume neben Palmen sind eher seltsam als feierlich und „Jingle Bells“ im klimatisierten Einkaufszentrum wirkt ziemlich deplatziert.

 

Vermisst haben wir Weihnachten nie – und so war es bloß folgerichtig, dass wir das „Fest der Liebe“ auch im Bayerwald einfach auf uns zukommen ließen, ohne groß darüber nachzudenken.

Dass diese Strategie einen Haken haben könnte, dämmerte mir das erste Mal bei folgender Äußerung von Edith – Karls Frau – die sichtlich im Stress war: „I mou etz weitermocha, die Platzl bocha si net vo aloa!“

Platzl? Backen? Müssen?

 

Leckere Platzl

 

Vorsichtiges Nachfragen im Bekanntenkreis bezüglich Plätzchen-Backen ergab drei mögliche Alternativen: 1. Die Plätzchen sind schon längst fertig, 2. Noch nicht fertig, aber schon konkret in Planung oder 3. „Dieses Jahr backe ich nicht, weil ich von xy welche bekomme.“ Aber einfach so keine Plätzchen zu backen, ohne Plan und ohne alternative Plätzchen-Bezugsquelle – das scheint irgendwie nicht vorgesehen zu sein. Ich habe es trotzdem gewagt – und raten Sie mal, was passiert ist? Richtig, am 24. Dezember standen Karl, Edith und Tochter Katrin vor der Türe und überreichten uns (nebst einem Korb voller eingemachter Leckereien und Geschenken für Maximilian) – den ungelogen größten Plätzchen-Teller, den ich je bekommen habe. Und wer hatte keinen einzigen müden Keks gebacken, um auch etwas herschenken zu können? Genau, die Fleischmanns. Wobei ich angesichts der vielen, leckeren Gebäck-Sorten von Edith und Katrin schnell eingesehen habe, dass es ein aussichtsloses Unterfangen gewesen wäre, wenn ich versucht hätte, etwas vergleichbares zu produzieren.

 

 

Motiviert von den freundlichen (und köstlichen!) Gaben liefen wir dann zur Weihnachts-Höchstform auf – jedenfalls für unsere Verhältnisse: Ein wenig ausgeliehener Baumschmuck von meiner Mutter, eine großzügige Auslegung des Begriffs „Tannenbaum“, eine handvoll Kerzen – und siehe da, schon hatten wir etwas, wo wir die Geschenke drunter stellen konnten. Die meisten davon waren für Maximilian – wir bekamen dafür leuchtende Kinderaugen.

 

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Silvester waren wir dann schon etwas besser vorbereitet: Der Plätzchen-Teller wanderte wieder zurück zu den Nachbarn, diesmal mit selbstgebackenen, herzhaften Snacks befüllt. Später eine kleine Feier bei einem Freund, der auch Kinder hat. Um Mitternacht leuchteten die Raketen am Himmel – und abermals die Kinderaugen.

Und doch blieb ein eher schales Gefühl zurück. Als wir noch keine Kinder hatten, haben Michael und ich auch kein Weihnachten und selten Silvester gefeiert. Mit den langen Reisen verloren die Feste weiter an Bedeutung. Wir sind nicht sehr religiös und vermeiden unnötigen Konsum, wo wir nur können. Warum dann also ausgerechnet Weihnachten und Silvester feiern? Nur weil es alle tun? Weil es irgendwie dazu gehört? Der Kinder wegen? „Wenn ihr im Dezember schon mal in Deutschland seid, dann müsst ihr doch …“ – Herrje, wir müssen?! Dann vielleicht doch lieber ein unverbindliches „Jingle Bells“ unter Palmen.

 

Obwohl die Plätzchen echt lecker waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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