Früher habe ich manchmal gedacht, unser Leben wäre anstrengend. Momentan aber bleiben mir solche Beschwerden einfach im Halse stecken. Stattdessen wandert mein ehrfürchtiger Blick zu dem gerahmten Foto, das bei uns über dem Küchentisch hängt: Ein etwa neunzig Jahre altes Bild von dem schönen Bauernhaus, das wir momentan unser Zuhause nennen dürfen, samt den damaligen Bewohnern: Bauer und Bäuerin, sechs Kinder, Mägde und Knechte. Was müssen die damals für ein Leben geführt haben! Eine Landwirtschaft zu Zeiten vor der Mechanisierung, wo sämtliche Arbeit von Menschen und Pferden gemacht wurde. Ich brauche nur kurz versuchen, mir den Alltag von den Leuten auf dem Foto vorzustellen. Das ist das allerbeste Mittel gegen die Empfindung, dass unser Leben mühsam sein könnte.

 

Dabei muss ich für diese Erkenntnis eigentlich gar nicht so weit in die Vergangenheit gehen. Es genügt auch ein Blick ins neue Haus gegenüber, wo unsere Hausherren wohnen, die ich Ihnen heute endlich vorstellen kann: Die Familie Münsterer aus Bärndorf.

 

Es war nämlich gar nicht so einfach, Karl, Edith und Tochter Katrin, die bei ihnen im Dachgeschoss wohnt, gemeinsam vor die Kamera zu bekommen, denn alle drei sind von früh bis spät unterwegs und so fleißig und arbeitsam, dass sie ihren Vorfahren in nichts nachstehen. Wenn ich morgens noch nicht einmal meinen ersten Kaffee getrunken habe, hat Karl schon die vier Kühe gefüttert und gemolken, Edith hat die Hühner und Puten versorgt und Katrin springt ins Auto und fährt zur Arbeit. Tagsüber sieht man Karl auf seinem Bulldog, während seine Frau im Gemüsegarten gräbt, pflanzt und erntet – oder sie fahren zusammen ins Holz, den Bulldog mit schwerem Gerät beladen, oder sie steigen auf einer Leiter herum, um irgendwas zu reparieren, oder sie warten ihre Maschinen, oder bauen an einem ihrer Gebäude. Wenn das alles nicht der Fall ist und sie weggefahren sind, dann helfen sie höchstwahrscheinlich gerade ihrem ältesten Sohn Michael auf seiner Baustelle. Der Namensvetter von meinem Mann baut nämlich gerade ein Haus und macht natürlich – ganz im Sinne der Münsterer'schen Arbeitsmoral – fast alles selbst. Er war es auch, der vorgeschlagen hat, dass wir im Haus seiner Eltern wohnen können.

 

 

Tochter Katrin verkauft eigentlich Lampen beim Möbelgeschäft Wanninger. Doch nach Feierabend und an den „freien“ Tagen treffe ich sie im Stall bei ihrem Pferd, beim Holzschneiden im alten Stall, beim Gießen mit der Mutter, beim Rasenmähen, beim Bau des neuen Pferdehauses mit dem Vater, … wirklich immer am Tun und am Machen, diese Münsterers! Ich erinnere mich, wie ich – nach einigen Wochen, die wir schon dort gewohnt haben – hinübersah, als Edith auf der Bank saß und genüsslich ein Eis leckte. Da musste ich gleich zweimal hinsehen und nachfragen: „Du sitzt da und isst ein Eis? Machst Du etwa … eine Pause?!“ Sie lachte und musste mir recht geben, dass das großen Seltenheitswert hätte.

 

bärndorf neueshaus

Dabei erleben wir die Münsterer ja nicht einmal unter Volllast. Früher, so sagen sie übereinstimmend, wäre es erst richtig viel Arbeit gewesen. Als der Stall noch voll und die Wiesen noch nicht verpachtet waren, da hätten sie wirklich vor Sonnenaufgang angefangen und oft erst lange nach Sonnenuntergang aufgehört können. Wann und wie Karl und Edith da noch ihre vier Kinder versorgt haben, bleibt mir ein absolutes Rätsel. Und noch ein Rätsel: Selbst nach einem höchst anstrengendem Tag im Holz höre ich keine Beschwerde und auch das gefühlte eintausendste Mal Hühner-in-den-Stall-sperren scheint ihnen leicht von der Hand zu gehen, ja, es macht so gar den Eindruck, als tun sie all das gerne. Wie geht das?

Was würdet Ihr wohl machen, wenn ihr nix mehr zu tun hättet?“, fragte ich die beiden eines Tages. Karl macht eine unbestimmte Geste mit seinen großen Händen und sieht seine Frau an, die mir schließlich die Antwort gibt: „Dann dad' ma nimma leb'n.“

Weil Karl und Edith aber zum Glück voller Leben sind, sehen wir sie jeden Tag über den Hof schreiten und ihren Tätigkeiten nachgehen – beide mit ihrer jeweils unverwechselbaren Körperhaltung: Ein kleines bisschen gebückt, aber doch nicht wirklich. So, als wollen ihre Körper langsam damit beginnen, sich unter den bald 60 Jahren harter Schufterei zu beugen, während aber aus Herz und Seele immer noch genug Elan entspringen, um sie immer wieder aufzurichten und ihnen eine beschwingte, energische Ausstrahlung zu verleihen.

Der Junge mit dem Hut auf dem alten Foto ist der Vater von unserem Hausherrn: „Mei Voda war Bürgermeister von der Gemeinde Bärndorf, da hot damals noch Kolmberg, Neukolmberg, Roßbach, Reckendorf, Plarnhof, Baumühle und Breitensteinmühle dazou g'hert – insgesamt circa 360 Einwohner“, erläutert er mir. Seit der Gebietsreform gehört das kleine Bärndorf zu Chamerau und hat um die 60 Einwohner. „De homma doch kürzlich erst zam'zählt“, sagt Katrin, für die es ganz selbstverständlich ist, dass sie fast alle Nachbarn persönlich kennt.

 

Karl selbst wuchs ebenfalls im „oidn Haus“ auf – dieses ist mittlerweile ein Baudenkmal und schon so alt, dass keiner mehr weiß, wann es eigentlich errichtet wurde, vermutlich aber um das Jahr 1850 herum. Karl erlebte dort mit seinen vier Schwestern Geschwistern sicher eine betriebsame, selten langweilige Kindheit: „Die Kinder ham immer mithelfa müssen – de unser'n a“, sagt er schulterzuckend. „Die Großen hom auf'm Feld g'arbeit' und die Mittleren hom auf die ganz Kloana auf'passt“, ergänzt Edith das Bild des früheren Familienmodells. Sie selbst ist auch auf einer Landwirtschaft groß geworden, nur ein paar Kilometer entfernt in Haderstadl, und hat ihren „Kare“ einst „beim Furtgehen“ kennen gelernt. „Unseren Kindern ham wir immer verzählt, wir hätt'n uns im Wald getroffen“, erklärt Edith lachend, warum Tochter Katrin auf einmal ganz interessiert hinhört, als ich die Frage aufbringe.

Es ist spannend und schön, dass wir momentan ein bisschen teilhaben dürfen, an ihrem kleinen Mikrokosmos, dieser urigen Landwirtschaft, die nicht mehr so sehr aufgrund der Notwendigkeit betrieben wird, sondern von Herzen. „Meine Leit dad'n des gar net aushalt'n, wenn da plötzlich im Stall koa einzige Kuah mehr steh' dad“, erklärt Sohn Andreas, warum seine Eltern gar nicht stillstehen können und wollen. Außer vielleicht mal für einen Nachmittag, wenn die beiden Enkel – Andreas' Kinder – da sind. Oder, um – ganz ausnahmsweise – einfach mal ein Eis zu essen.