Heit is koid!“, sagt unser Vermieter Karl zu mir, als er eines Morgens mit seiner frisch gezapften – Verzeihung, gemolkenen – Milch aus dem Stall kommt. Ich stimme ihm zu und bin richtig erleichtert über seine Aussage: Jawohl, es ist kalt! Nicht, dass mir das besonders gut gefallen würde – im Gegenteil – aber es tut gut, zu hören, dass es jetzt also wirklich kalt ist – noch dazu vom Landwirt Karl, der in meinen Augen mehr Ahnung vom Wetter hat als jede Handy-App. Somit sind Michael, die Kinder und ich also weder verweichlicht, noch ist das viele Heizen und dicke Anziehen eigentlich unnötig, noch das trotzdem-Frieren übertrieben – nein, es ist wirklich kalt und es ist wirklich Winter. Und wir mittendrin!

Wie lang hobt's etz koan Winter mehr g'hobt?“, werden wir momentan oft gefragt. „Unser letzter Winter war in Kasachstan und China“, sagen wir dann, „das war im Jahr 2010 auf 2011.“ Der letzte deutsche Winter ist also schon sieben Jahre her und in all der Zeit gab es für uns eigentlich nur „warm“, „heiß“ oder „sehr heiß“. Das führte dazu, dass die Empfindung „zu kalt“ schon dann eintritt, wenn wir nicht mehr im T-Shirt vor die Tür gehen können. Und so frieren wir momentan wie die jungen Hunde! Aber erst jetzt – nach der Legitimation von Karl – wage ich, dies öffentlich zu bekunden: Ja, wir frieren! Und wie!

 

Reiseradler Bärndorf Schlitten

Bisher wurde uns von Euch Bayerwald-Bewohnern nämlich stets ein anderes Lied über den Winter gesungen – und das geht ungefähr so: „Des is ja eigentlich koa richtiger Winter, ihr seitz des bloss nimmer g'wohnt, es is ja goa net koid, früher hots no an g'scheidn Winter geb'n mit drei Metern Schnee, ganze Ortschaften woarn abg'schnittn, oba etzat?“ All die letzten Winter, die wir „verpasst“ haben, seien sowieso total mild gewesen – und überhaupt sei es ja heutzutage mit geräumten Straßen und fast ohne Schnee – dafür mit Zentralheizung – kein Problem mehr.

Nun gut, liebe Leser, wir wollen büßen: Dafür, dass wir so lange dem Winter entflohen sind, dafür machen wir dieses Jahr richtig mit, mit Haut und Haaren – und OHNE Zentralheizung. Unser Wetterfrosch Karl bestätigt, dass der Zeitpunkt für unsere Buße gut gewählt ist: „So a strenger Winter mit so vui Schnee … des hot's scho lang nimma geb'n!“

Wenigstens die Feiertage haben wir schon überstanden: Maximilian, Ludwig und ich feierten das erste Mal Weihnachten im Bayerischen Wald! Und das, nachdem wir die letzten Jahre Weihnachten immer in Asien verbracht haben, wo wir schulterzuckend festgestellt hatten, dass dort kaum Weihnachtsstimmung aufkommen kann. Geschmückte Tannenbäume neben Palmen sind eher seltsam als feierlich und „Jingle Bells“ im klimatisierten Einkaufszentrum wirkt ziemlich deplatziert.

 

Vermisst haben wir Weihnachten nie – und so war es bloß folgerichtig, dass wir das „Fest der Liebe“ auch im Bayerwald einfach auf uns zukommen ließen, ohne groß darüber nachzudenken.

Dass diese Strategie einen Haken haben könnte, dämmerte mir das erste Mal bei folgender Äußerung von Edith – Karls Frau – die sichtlich im Stress war: „I mou etz weitermocha, die Platzl bocha si net vo aloa!“

Platzl? Backen? Müssen?

 

Leckere Platzl

 

Vorsichtiges Nachfragen im Bekanntenkreis bezüglich Plätzchen-Backen ergab drei mögliche Alternativen: 1. Die Plätzchen sind schon längst fertig, 2. Noch nicht fertig, aber schon konkret in Planung oder 3. „Dieses Jahr backe ich nicht, weil ich von xy welche bekomme.“ Aber einfach so keine Plätzchen zu backen, ohne Plan und ohne alternative Plätzchen-Bezugsquelle – das scheint irgendwie nicht vorgesehen zu sein. Ich habe es trotzdem gewagt – und raten Sie mal, was passiert ist? Richtig, am 24. Dezember standen Karl, Edith und Tochter Katrin vor der Türe und überreichten uns (nebst einem Korb voller eingemachter Leckereien und Geschenken für Maximilian) – den ungelogen größten Plätzchen-Teller, den ich je bekommen habe. Und wer hatte keinen einzigen müden Keks gebacken, um auch etwas herschenken zu können? Genau, die Fleischmanns. Wobei ich angesichts der vielen, leckeren Gebäck-Sorten von Edith und Katrin schnell eingesehen habe, dass es ein aussichtsloses Unterfangen gewesen wäre, wenn ich versucht hätte, etwas vergleichbares zu produzieren.

 

 

Motiviert von den freundlichen (und köstlichen!) Gaben liefen wir dann zur Weihnachts-Höchstform auf – jedenfalls für unsere Verhältnisse: Ein wenig ausgeliehener Baumschmuck von meiner Mutter, eine großzügige Auslegung des Begriffs „Tannenbaum“, eine handvoll Kerzen – und siehe da, schon hatten wir etwas, wo wir die Geschenke drunter stellen konnten. Die meisten davon waren für Maximilian – wir bekamen dafür leuchtende Kinderaugen.

 

Reiseradler Bärndorf Christbaum

Silvester waren wir dann schon etwas besser vorbereitet: Der Plätzchen-Teller wanderte wieder zurück zu den Nachbarn, diesmal mit selbstgebackenen, herzhaften Snacks befüllt. Später eine kleine Feier bei einem Freund, der auch Kinder hat. Um Mitternacht leuchteten die Raketen am Himmel – und abermals die Kinderaugen.

Und doch blieb ein eher schales Gefühl zurück. Als wir noch keine Kinder hatten, haben Michael und ich auch kein Weihnachten und selten Silvester gefeiert. Mit den langen Reisen verloren die Feste weiter an Bedeutung. Wir sind nicht sehr religiös und vermeiden unnötigen Konsum, wo wir nur können. Warum dann also ausgerechnet Weihnachten und Silvester feiern? Nur weil es alle tun? Weil es irgendwie dazu gehört? Der Kinder wegen? „Wenn ihr im Dezember schon mal in Deutschland seid, dann müsst ihr doch …“ – Herrje, wir müssen?! Dann vielleicht doch lieber ein unverbindliches „Jingle Bells“ unter Palmen.

 

Obwohl die Plätzchen echt lecker waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Alle Jahre wieder - wenn es endlich Frühling wird. Wenn ein kalter, trister, graue Winter hinter uns liegt und wir alle die liebe Sonne vermissen - die schönen, warmen Strahlen, die sich so angenehm auf der Haut anfühlen und die uns einfach sooo gut tun. Ja dann, dann zieht es uns alle nach draußen - in den Garten, an den Badesee, auf den Spielplatz. Die Sonne zeigt uns ihr lachendes Gesicht endlich mal ohne Wolkenschleier, und wir aalen uns in ihren hellen Strahlen, um nur möglichst schnell braun zu werden, denn diese winterliche, kränklich-blasse Hautton, mit dem wir alle daherkommen, mag uns einfach nicht recht gefallen.

Wer sich dabei einen leichten Sonnenbrand holt, der hat eigentlich noch Glück, denn umso schneller wird er braun. Nur einen ganz starken, schmerzhaften Sonnenbrand möchte dann doch keiner haben. Denn wenn sich die Haut erstmal schält, kommt darunter wieder das verhasste Weiß zum Vorschein. So schützt man sich eben ein bisschen und die Kinder werden vorbeugen mit Tiroler Nussöl eingeschmiert, denn sie verbrennen ja noch schneller als die Erwachsenen. Meine Mutter weiß zu berichten: “bei uns hat sie da niemand was drum g'schissen, wenn wir einen Sonnenbrand bekommen haben.“

UV-Schutz - früher und heute

So war das also einmal - vor ungefähr 50 Jahren. In der Zwischenzeit hat sich viel getan: der Zusammenhang zwischen Hautkrebs und Sonnenbränden - besonders im Kindes - und Kleinkindalter - ist wissenschaftlich nachgewiesen. Und wie so oft in der Entwicklung schlägt das Pendel nun ins andere Extrem aus: Sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen, werden Hüte mit breiter Krempe - oder gleich mit Nackenschutz - hervorgekramt; Arme, Beine und Gesicht werden dick mit Sunblocker - Lichtschutzfaktor 50 - eingecremt und zur Mittagszeit haben die Kinder Schattenpflicht. “Heutzutage machen sich viele Eltern zu viele Sorgen um die UV-Belastung für ihre Kinder“, sagte mir ein deutscher Kinderarzt, der diese Sorgen als übertrieben einschätzt. “Es ist alles gut!  Wir sind dazu gemacht, dass wir eine Weile in der Sonne bleiben können - und wir brauchen die UV-Strahlen auch. Wenn es vormittags oder am späteren Nachmittag schon klar und sonnig ist , sollten Sie ruhig ihre Kinder kurzärmlig und mit kurzen Hosen an die frische Luft lassen . Da brauchen Sie nicht gleich Hüte aufsetzen und Arme eincremen sonst hindern Sie die Haut dabei, ihren Eigenschutz zu verbessern.  Dennoch ist es natürlich sehr Sonnenbrände zu vermeiden.“

Aber wie macht man das in der Praxis am besten? Hier

Unsere gesammelten Sonnenschutz-Erfahrungswerte aus 7 Jahren Fahrradreise in und nach Asien:

Einleitend sei gesagt: Die UV-Belastung in Asien ist um ein vielfaches höher als in Mitteleuropa, wir sind also durch eine harte Schule gegangen, als wir uns mit dem Fahrrad über China und Laos langsam ins subtropische Klima hinein gearbeitet haben. Doch dabei haben wir enorm viel gelernt, und mittlerweile für uns und unsere Kinder einen gesunden Umgang mit dem Sonnenlicht gefunden.

Die oben beschriebene Entwicklung, den Sonnenschutz erst zu vernachlässigen und dann sehr ernst zu nehmen, haben wir in den letzten Jahren selbst persönlich durchgemacht. Dank der Tatsache, dass wir auf unserer Reise nach Asien langsam und allmählich an die immer höher stehende Sonne gewöhnt wurden, mussten wir uns damals nicht viel um Sonnenbrände kümmern. Wir hatten noch die Restbräune vom Sommer in Europa, sind nur in Aserbaidschan, Kasachstan und China etwas verblasst, konnten uns dann aber in Südchina, Laos, Thailand und Kambodscha ausreichend mit Sonnenstrahlen versorgen - weitgehend, ohne dabei zu verbrennen. Und das wohlgemerkt ohne Sonnencreme oder langer Kleidung. Nachdem wir aber eine Weile in Asien unterwegs waren - von Kambodscha nach Vietnam, wieder zurück durch Kambodscha, dann nach Thailand und jetzt bis nach Malaysia - spürten wir, wie sehr uns die starke UV-Strahlung zusetzt. Ab einer bestimmten Stärke fühlt sich das Sonnenlicht einfach nicht mehr gut an. Sonnencreme gibt uns dabei nicht das Gefühl, wirklich geschützt zu sein. Das, Einzige, was uns beim Fahrradfahren rund um die Mittagszeit wirklich hilft, ist lange Kleidung: Longsleeve, Hut, lange Hosen und wenn es ganz schlimm ist, auch Socken.

In den Tropen am besten mit Longsleeve, Hut, langen Hosen und Socken

Das hört sich zuerst vielleicht einmal unkomfortabel an. Ist es auch. Aber die Sache ist die, dass jegliches Dasein in der prallen asiatischen Mittagssonne unkomfortabel ist. Da ist es auch nicht mehr weiter tragisch, lang bekleidet zu sein - im Gegenteil, wir fühlen uns zumindest vor der UV-Belastung geschützt. Denn die ist enorm! Eine Idee zur Erleichterung: wenn es ganz schlimm heiß ist, bevorzugen wir statt dem Longsleeve ein Tuch, mit dem wir Arme und Schultern abdecken. Das ist zwar mit etwas Fummelei verbunden, aber dafür bei jeder Pause sehr praktisch, da man es sofort ablegen kann und dem Dasein im T-Shirt wenigstens für ein paar Minuten nichts im Wege steht.

Generell gesprochen ist der beste Sonnenschutz in Asien der, die wirklich heißen Stunden im Schatten zu verbringen. Wenn wir irgendwo länger rasten, dann tun wir das auch - da treibt uns mittags nichts vor die Türe. Aber wenn wir mit den Fahrrädern unterwegs sind, geht das manchmal einfach nicht. Wann ist das Schicksal schon mal so gnädig, pünktlich um 10:30 Uhr - wenn es langsam viel zu heiß wird - ein schönes, klimatisiertes Cafe oder gar Einkaufszentrum zu schicken, in dem wir uns drei oder vier Stunden lang herumtreiben können, bis die schlimmste Zeit vorbei ist? Manchmal haben wir tatsächlich das Glück - aber natürlich leider eher in Ausnahmefällen. Selbstverständlich klingelt unser Wecker an Radreise-Tagen schon sehr früh: spätestens um 4:30 Uhr singt uns das Handy ein sanftes Aufwachlied, sodass wir bestenfalls schon um 5:30 Uhr auf den Fahrrädern sitzen und losradeln können. Die Sonne geht bereits um 6 Uhr auf und dann dauert es nicht mehr lange, bis es unangenehm warm wird. schon um 8 Uhr ist es so heiß, dass man lieber im Schatten wäre. Ab 9 Uhr ist es an klaren Tagen eine Zumutung, draußen unter freiem Himmel zu sein. Wenn wir denn müssen, dann ist jetzt der späteste Zeitpunkt gekommen, um lange Kleider anzulegen und Hüte aufzusetzen. Die Kinder sind nun am besten in ihrem Anhänger aufgehoben, denn dank dem Sonnenschild sind sie dort optimal geschützt und dürfen ganz leicht bekleidet den Fahrtwind genießen.

Welche Sonnenstrahlen sind gefährlich? Die Schattenregel gibt die Antwort

Zu der Frage, vor welchen Sonnenstrahlen wir uns schützen müssen und vor welchen nicht, habe ich von unserem Sonnenbrillen - Sponsor Caruso eine sehr gute Faustregel mit auf den Weg bekommen: Die Schatten Regel. Da die Sonne umso schädlicher ist, je höher sie steht, kann man am eigenen Schatten recht gut ablesen, wann es gefährlich ist und wann nicht. Ist der eigene Schatten kürzer als man selbst, sollte man sich vor der Sonne schützen - und zwar konsequent. Mit langer Bekleidung und / oder viel Sonnencreme . Besonders gefährdet sind die sogenannten Terrassenflächen der Haut, also da, wo die Sonne direkt von oben, sozusagen frontal draufscheint. Das sind insbesondere die Schultern, die Nase, und - oft vergessen - die Ohren, die Füße und bei bestimmten Tätigkeiten - wie Radfahren - auch die Hände. Gute Nachrichten für Euch in Deutschland : dort ist das höchstens an drei Stunden pro Tag der Fall, dass der eigene Schatten kürzer wird als man selbst. In Asien dagegen sind es um die sechs Stunden.

Der Umkehrschluss der schattenregel Regel lautet natürlich: Ist der eigene Schatten länger als man selbst , so ist es beinahe unmöglich, sich einen Sonnenbrand zu holen, eher bräunt man leicht und gleichmäßig - es spricht also nichts dagegen, sich in dieser Zeit in der Sonne aufzuhalten, so lange es sich gut anfühlt.

Mit Hilfe dieser Regel kann man sich sehr gut herantasten , um langsam herauszufinden, wie viel Sonne die Haut verträgt . Dies gilt besonders auch für Kinder, die ja bekanntlich viel empfindlicher sind. Dank unserer Umsicht hatten unsere Kinder noch nie einen Sonnenbrand, höchstens mal gerötete Wangen, die bereits am Abend wieder normal wurden. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, dass dies so bleibt.

 

 

Wir sind mit dem Fahrrad und 2 Hunden auf Weltreise gegangen und haben über 40.000 Kilometer zurückgelegt. Wir haben im Zelt gewohnt und beinahe alle Klimazonen durchquert. Wir haben in Kambodscha ein neues Leben aufgebaut, einen geliebten Hund beerdigt, einen Sohn bekommen. Erneut gingen wir auf die Reise – mit einem verbliebenen Hund und einem Kleinkind. Oftmals haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes durchgekämpft: Über Berg und Tal mit dem Fahrrad, gegen sture Behörden, gegen unsere eigenen Zukunfts- und Versagensängste. Viel haben wir erlebt und durchgemacht, sind an unsere körperlichen und psychischen Grenzen gegangen und darüber hinaus, haben Pläne geschmiedet und wieder verworfen, haben viel improvisiert und teils mit viel Hängen und Würgen Auswege gefunden. Aber nichts davon, liebe Leser, erschien so schwierig, wie unsere letzte Rückkehr von Asien nach Deutschland.

 

 

rückkehr bavaria 4Klar birgt es immer Herausforderungen und Unwägbarkeiten, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Doch in unserem Fall begann auch noch ein neues Leben: Ich war hochschwanger als wir zurückkehrten – so kugelig, dass ich Glück hatte, dass mich die Fluggesellschaft überhaupt noch an Bord gehen ließ. Zurück in Deutschland waren wir ohne Wohnsitz und ohne Auto, tingelten zwischen Freunden und Familie hin und her, mussten dabei immer mit einplanen, dass jederzeit die Geburt losgehen konnte. Zu allem Überfluss war ich einer Fehlinformation von einem Kundenbetreuer der Krankenkasse aufgesessen: „Klar können wir Sie nach Ihrer Rückkehr aus dem Ausland wieder versichern“, hatte der gesagt. Doch als es soweit war, warteten wir vergeblich auf eine Bestätigung dieser Aussage. Stattdessen die verheerende Nachricht einer anderen Mitarbeiterin: „Nein, tut mir Leid, Sie waren zu lange weg, da gibt es eine Sperrfrist. Hm, der Kollege weiß das nicht, der ist noch nicht so lange bei uns …“

So war es also gekommen, dass wir alles selbst bezahlen mussten und unser Sohn Ludwig im – vergleichsweise preisgünstigen – tschechischen Krankenhaus zur Welt gekommen ist. Doch nachdem das überstanden war, war der Trubel noch lange nicht vorbei. „Morgähn, Sie gähen nach Hause“, hat die tschechische Krankenschwester wenige Tage nach der Entbindung zu mir gesagt und mich aufmunternd angelächelt. Mit viel Mühe war es mir gelungen, ihr Lächeln zu erwidern und den Kloß im Hals herunterzuschlucken. Nach Hause? Wenn die wüsste! In diesem „Zuhause“ hatte ich gerade mal eine halbe Stunde verbracht – und keine Ahnung, wie es dort momentan aussah.

 

 

rückkehr bavaria 1Jeder, der schon mal auf Haus- oder Wohnungssuche gewesen ist, weiß, dass dies enorm schwierig sein kann. Bei uns kam hinzu, dass wir weniger als einen Monat Zeit hatten und über keinerlei klassische Reputation als Mieter verfügten. Festes Arbeitsverhältnis? Bestätigung des früheren Vermieters? – Fehlanzeige. Eines war schnell klar: Wenn wir irgendwo etwas finden können, dann nur hier in der Region. Hier, wo solche Vereinbarungen noch per Handschlag getroffen werden. Wo es etwas zählt, dass Michael hier geboren ist und die Ho-ho-Sprache spricht. Wo wichtig ist, wer wen kennt und was über uns gesprochen, Verzeihung, geschmaatzt wird.

Das erste per-Handschlag-gemietete Haus hat sich allerdings schnell als Flop entpuppt: „Ihr könnt schon einziehen, aber das Wasser geht nicht. Vielleicht könnt ihr vom Nachbarn einen Gartenschlauch rüberlegen.“ Mühsam hatten wir uns mit diesem Gedanken angefreundet: In Kambodscha war die Wasserversorgung oft genug zusammengebrochen und auf Reisen – im Zelt – ist Wasser sowieso immer stark limitiert. Dennoch sind wir klargekommen. „Wenn das jemand hinbekommt, dann wir“, versuchten wir, uns die Gartenschlauch-Lösung schmackhaft zu machen. Ein Freund von uns sah das allerdings anders: „Ihr könnts doch net … und des mit zwoa Kindern! I frog amal meine Leit wega dem oidn Haus.“

 

 

Michael war Feuer und Flamme gewesen, als er mir davon erzählt hat – ich blieb skeptisch. Schon früher hatten wir die Erfahrung gemacht, dass zwar sehr viele „oide Häuser“ unbewohnt herumstehen, doch vermieten wollen die wenigsten. „Oh mei, de oide Hütt'n … naaa, de reiss' ma irgendwann weg, bis dahin soll's bleiben wie's is.“ Leer nämlich.

 

 

rückkehr bavaria 2Aber dann kam die unglaubliche Nachricht: Die Eltern unseres Freundes – ein Landwirts-Ehepaar – hatten sich tatsächlich von ihrem Sohn überzeugen lassen und würden uns das „oide Haus“ für eine Weile vermieten. Ich konnte es kaum glauben. „Warum machen die das? Die kennen uns doch gar nicht … und auch noch Landwirte!“ Natürlich kam mir gleich das alte Sprichwort über Bauern und ihre Essgewohnheiten in den Sinn (Was der Bauer nicht kennt …) – schließlich könnten ihr und unser Lebensentwurf unterschiedlicher kaum sein.

Für meinen Mann hingegen war die Frage nach dem „Warum“ schnell beantwortet: „Christliche Nächstenliebe. Die helfen uns in der Not“, meinte er nur. So beendete auch ich mein Grübeln darüber und war einfach nur dankbar.

Kurz bevor ich ins Krankenhaus musste, habe ich es anschauen dürfen, das oide Haus. „Bloß keinen Sprung ins Fettnäpfchen!“, habe ich mir selbst immer wieder eingeschärft – denn die Angst war groß, dass ich die fragile Vereinbarung zunichte machen könnte, wenn sich herausstellt, dass ich die Ho-ho-Sprache nicht spreche und noch nicht einmal die einfachsten Dorftraditionen kenne. Natürlich gelang es mir trotzdem – entgegen aller guten Vorsätze – meine totale Ahnungslosigkeit zu demonstrieren: „Und da wurde früher wirklich die Glocke geläutet?“, entfuhr es mir mit echtem Erstaunen, als ich das Türmchen auf dem Dach und das Seil im Inneren des Hauses entdeckt hatte. Der Blick, den ich dafür von der Hausherrin erntete, ließ mich nervös lächeln und eine weitere, völlig überflüssige Aussage treffen: „Ich bin nicht vom Land“.

Wundersamerweise wurde die Zusage aber trotzdem nicht widerrufen. Und mir ist klar geworden: Ich würde dort noch eine Menge lernen können. 

Früher habe ich manchmal gedacht, unser Leben wäre anstrengend. Momentan aber bleiben mir solche Beschwerden einfach im Halse stecken. Stattdessen wandert mein ehrfürchtiger Blick zu dem gerahmten Foto, das bei uns über dem Küchentisch hängt: Ein etwa neunzig Jahre altes Bild von dem schönen Bauernhaus, das wir momentan unser Zuhause nennen dürfen, samt den damaligen Bewohnern: Bauer und Bäuerin, sechs Kinder, Mägde und Knechte. Was müssen die damals für ein Leben geführt haben! Eine Landwirtschaft zu Zeiten vor der Mechanisierung, wo sämtliche Arbeit von Menschen und Pferden gemacht wurde. Ich brauche nur kurz versuchen, mir den Alltag von den Leuten auf dem Foto vorzustellen. Das ist das allerbeste Mittel gegen die Empfindung, dass unser Leben mühsam sein könnte.

 

Dabei muss ich für diese Erkenntnis eigentlich gar nicht so weit in die Vergangenheit gehen. Es genügt auch ein Blick ins neue Haus gegenüber, wo unsere Hausherren wohnen, die ich Ihnen heute endlich vorstellen kann: Die Familie Münsterer aus Bärndorf.

 

Es war nämlich gar nicht so einfach, Karl, Edith und Tochter Katrin, die bei ihnen im Dachgeschoss wohnt, gemeinsam vor die Kamera zu bekommen, denn alle drei sind von früh bis spät unterwegs und so fleißig und arbeitsam, dass sie ihren Vorfahren in nichts nachstehen. Wenn ich morgens noch nicht einmal meinen ersten Kaffee getrunken habe, hat Karl schon die vier Kühe gefüttert und gemolken, Edith hat die Hühner und Puten versorgt und Katrin springt ins Auto und fährt zur Arbeit. Tagsüber sieht man Karl auf seinem Bulldog, während seine Frau im Gemüsegarten gräbt, pflanzt und erntet – oder sie fahren zusammen ins Holz, den Bulldog mit schwerem Gerät beladen, oder sie steigen auf einer Leiter herum, um irgendwas zu reparieren, oder sie warten ihre Maschinen, oder bauen an einem ihrer Gebäude. Wenn das alles nicht der Fall ist und sie weggefahren sind, dann helfen sie höchstwahrscheinlich gerade ihrem ältesten Sohn Michael auf seiner Baustelle. Der Namensvetter von meinem Mann baut nämlich gerade ein Haus und macht natürlich – ganz im Sinne der Münsterer'schen Arbeitsmoral – fast alles selbst. Er war es auch, der vorgeschlagen hat, dass wir im Haus seiner Eltern wohnen können.

 

 

Tochter Katrin verkauft eigentlich Lampen beim Möbelgeschäft Wanninger. Doch nach Feierabend und an den „freien“ Tagen treffe ich sie im Stall bei ihrem Pferd, beim Holzschneiden im alten Stall, beim Gießen mit der Mutter, beim Rasenmähen, beim Bau des neuen Pferdehauses mit dem Vater, … wirklich immer am Tun und am Machen, diese Münsterers! Ich erinnere mich, wie ich – nach einigen Wochen, die wir schon dort gewohnt haben – hinübersah, als Edith auf der Bank saß und genüsslich ein Eis leckte. Da musste ich gleich zweimal hinsehen und nachfragen: „Du sitzt da und isst ein Eis? Machst Du etwa … eine Pause?!“ Sie lachte und musste mir recht geben, dass das großen Seltenheitswert hätte.

 

bärndorf neueshaus

Dabei erleben wir die Münsterer ja nicht einmal unter Volllast. Früher, so sagen sie übereinstimmend, wäre es erst richtig viel Arbeit gewesen. Als der Stall noch voll und die Wiesen noch nicht verpachtet waren, da hätten sie wirklich vor Sonnenaufgang angefangen und oft erst lange nach Sonnenuntergang aufgehört können. Wann und wie Karl und Edith da noch ihre vier Kinder versorgt haben, bleibt mir ein absolutes Rätsel. Und noch ein Rätsel: Selbst nach einem höchst anstrengendem Tag im Holz höre ich keine Beschwerde und auch das gefühlte eintausendste Mal Hühner-in-den-Stall-sperren scheint ihnen leicht von der Hand zu gehen, ja, es macht so gar den Eindruck, als tun sie all das gerne. Wie geht das?

Was würdet Ihr wohl machen, wenn ihr nix mehr zu tun hättet?“, fragte ich die beiden eines Tages. Karl macht eine unbestimmte Geste mit seinen großen Händen und sieht seine Frau an, die mir schließlich die Antwort gibt: „Dann dad' ma nimma leb'n.“

Weil Karl und Edith aber zum Glück voller Leben sind, sehen wir sie jeden Tag über den Hof schreiten und ihren Tätigkeiten nachgehen – beide mit ihrer jeweils unverwechselbaren Körperhaltung: Ein kleines bisschen gebückt, aber doch nicht wirklich. So, als wollen ihre Körper langsam damit beginnen, sich unter den bald 60 Jahren harter Schufterei zu beugen, während aber aus Herz und Seele immer noch genug Elan entspringen, um sie immer wieder aufzurichten und ihnen eine beschwingte, energische Ausstrahlung zu verleihen.

Der Junge mit dem Hut auf dem alten Foto ist der Vater von unserem Hausherrn: „Mei Voda war Bürgermeister von der Gemeinde Bärndorf, da hot damals noch Kolmberg, Neukolmberg, Roßbach, Reckendorf, Plarnhof, Baumühle und Breitensteinmühle dazou g'hert – insgesamt circa 360 Einwohner“, erläutert er mir. Seit der Gebietsreform gehört das kleine Bärndorf zu Chamerau und hat um die 60 Einwohner. „De homma doch kürzlich erst zam'zählt“, sagt Katrin, für die es ganz selbstverständlich ist, dass sie fast alle Nachbarn persönlich kennt.

 

Karl selbst wuchs ebenfalls im „oidn Haus“ auf – dieses ist mittlerweile ein Baudenkmal und schon so alt, dass keiner mehr weiß, wann es eigentlich errichtet wurde, vermutlich aber um das Jahr 1850 herum. Karl erlebte dort mit seinen vier Schwestern Geschwistern sicher eine betriebsame, selten langweilige Kindheit: „Die Kinder ham immer mithelfa müssen – de unser'n a“, sagt er schulterzuckend. „Die Großen hom auf'm Feld g'arbeit' und die Mittleren hom auf die ganz Kloana auf'passt“, ergänzt Edith das Bild des früheren Familienmodells. Sie selbst ist auch auf einer Landwirtschaft groß geworden, nur ein paar Kilometer entfernt in Haderstadl, und hat ihren „Kare“ einst „beim Furtgehen“ kennen gelernt. „Unseren Kindern ham wir immer verzählt, wir hätt'n uns im Wald getroffen“, erklärt Edith lachend, warum Tochter Katrin auf einmal ganz interessiert hinhört, als ich die Frage aufbringe.

Es ist spannend und schön, dass wir momentan ein bisschen teilhaben dürfen, an ihrem kleinen Mikrokosmos, dieser urigen Landwirtschaft, die nicht mehr so sehr aufgrund der Notwendigkeit betrieben wird, sondern von Herzen. „Meine Leit dad'n des gar net aushalt'n, wenn da plötzlich im Stall koa einzige Kuah mehr steh' dad“, erklärt Sohn Andreas, warum seine Eltern gar nicht stillstehen können und wollen. Außer vielleicht mal für einen Nachmittag, wenn die beiden Enkel – Andreas' Kinder – da sind. Oder, um – ganz ausnahmsweise – einfach mal ein Eis zu essen.

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